Zu früh geärgert

Der VfB holt beim 1. FC Nürnberg den nächsten Sieg, macht es dabei aber unglaublich spannend. Warum man die Mannschaft mittlerweile  zu keinem Zeitpunkt mehr abschreiben sollte.

Ich hatte eigentlich schon die Schnauze voll. Von der Tatsache, dass zwar zwischen zehn- und zwanzigtausend VfB-Fans mit nach Nürnberg gereist waren, aber scheinbar größtenteils davon ausgingen, dass das Spiel schon vor dem Anpfiff entschieden war. Davon, dass sich die Mannschaft von dieser Stimmung scheinbar anstecken ließ und es den Gastgebern ermöglichte, ohne großen Aufwand mit 2:0 in Führung zu gehen. Dass es der großen Masse an Gästefans nicht gelang, ein einziges Lied gleichzeitig zu singen und dass alle fünf Minuten ein besoffener Otto “Ja, der VfB” anstimmte, weil dass das einzige ist, was man an Text auch noch nach einem Kasten Bier auf der Hinfahrt zusammen kriegt.

In der ersten Halbzeit gepennt

Die erste Halbzteit zusammengefasst. Bild © VfB-Bilder.de
Die erste Halbzteit zusammengefasst. Bild © VfB-Bilder.de

Kurzum: Ich war richtig angefressen. Vor allem, weil Nürnberg die erste Halbzeit für sich entschied, ohne groß etwas dafür tun zu müssen. Nach vorne hatte der VfB nicht so wirklich viele zwingende Chancen, was natürlich auch daran lag, dass der FCN anders als Union am Montag mehr Wert auf eine stabile Defensive legte. Was man vom VfB nicht behaupten konnte. Beim 1:0 führten die Franken einen sehr zweifelhaften Freistoß schnell aus, während Benjamin Pavard und Timo Baumgartl noch mit Lamentieren beschäftigt waren. Auch beim 2:0 sah der Abwehrchef des VfB nicht gut aus, als er zwanzig Meter lang vor dem Torschützen in spe der Nürnberger herlief, bis dieser ohne Gegenwehr so nah am Tor war, dass er gar nicht mehr anders konnte, als zu treffen.

Es war wirklich eine Halbzeit zum Verzweifeln. Nürnberg verteidigte geschickt und ließ den VfB nicht wirklich gefährlich vors Tor kommen. Währenddessen schenkte man sich hinten die Tore fast selber ein. Hatte man sich im phänomenalen Auftritt gegen Berlin also getäuscht? Versagte die Mannschaft nach einem Erfolg gegen einen spielstarken Gegner nun wieder wie in der Vergangenheit im Duell mit einem schwächeren Team? Würde der Aufstiegskampf durch diesen Lapsus jetzt wieder unnötig spannend gemacht?

Reaktion nach der Pause

Endlich wieder ein sicherer Elfmeterschütze: Simon Terodde. Bild © VfB-Bilder.de
Endlich wieder ein sicherer Elfmeterschütze: Simon Terodde. Bild © VfB-Bilder.de

Eigentlich hätte ich es nach dem Bielefeld-Spiel besser wissen müssen. Aber dass der VfB mit einer solchem Erfolg aus der Kabine kommen würde, damit konnte nun wirklich keiner rechnen. Erst wurde Terodde im Strafraum gefoult, wofür der Nürnberger Verteidiger, der schon gelb-belastet war, unverständlicherweise nicht des Feldes verwiesen wurde. Eine weitere Entwicklung zum Positiven in dieser zweiten Liga ist, dass man sich bei eigenen Standardsituationen und vor allem Elfmetern keine Gedanken mehr machen muss. Und so auch diesmal nicht, Terodde knallte den Schuss zu seinem 21. Saisontreffer humorlos unter die Latte.

Und nur wenige Minuten bestätigte sich dieses Gefühl bezüglich der Standardsituationen. Alex Maxim sammelte einen weiteren Scorerpunkt, als er einen Eckstoß direkt auf den Kopf von Daniel Ginczek trat. Innerhalb von fünf Minuten nach Wiederanpfiff war das Spiel toremäßig wieder ausgeglichen und plötzlich flutschte es auch in der VfB-Kurve – das Wort Gästeblock beschreibt die Anwesenheit der Brustringträger nur unzureichend. Wie würde es jetzt weitergehen? Kam jetzt die große Offensive?

Ein Geduldsspiel bis zum Ende

Spoiler: Sie kam nicht. Zumindest gelangen dem VfB zunächst keine weiteren Tore. Immerhin konnte man sich das Spiel jetzt wieder mit einem etwas ruhigeren Gefühl anschauen, dass aber nach und nach der Frustration zu weichen drohte, dass man sich nach der schlechten ersten Halbzeit eventuell nur mit einem Punkt würde zufrieden geben müssen. Wie schon gegen Bielefeld kam erstens anders und zweitens, als man denkt. Kaminski schlug eine Flanke an die Grundlinie, wo Ginczek den Ball wieder in die Mitte brachte. Simon Terodde bewies, dass er nicht nur einen Torriecher hat, sondern auch den Blick für den Mitspieler. Er leitete den Ball weiter zu Florian Klein, der ihn mit einem Flachschuss in die lange Ecke des Tors bugsierte.

Ausgerechnet Florian Klein. In dieser Woche hatte der VfB bestätigt, dass der Vertrag mit dem Rechtsverteidiger nicht verlängert würde. Und prompt verhilft er dem VfB mit einem seiner wenigen Tore zum wichtigen Auswärtssieg. Kannste dir nicht ausdenken. Auch Mitch Langerak, der immer mal wieder leise Kritik zu hören bekommt, ist es zu verdanken, dass der VfB als Sieger vom Platz ging. Ja, wir sind durch Ulreich und Tyton etwas geschädigt, aber die Torwartdiskussion können wir uns jetzt mal so langsam schenken. Ebenso muss die Leistung von Simon Terodde gewürdigt werden. Nicht nur, dass er seit Wochen wichtige Tore macht und ja vielleicht noch seine Torbilanz der letzten Saison verbessern kann: Nein, er kämpft auch um  jeden Ball und ist in der Lage, diesen zu halten und, wie beim Siegtreffer, zu verteilen. Dazu ist er noch ein grundsympathischer, bescheidener und selbstkritischer Typ, wie man im Interview in der 11 Freunde nachlesen konnte. Hoffen wir, dass er diese Qualitäten im Falle des Aufstiegs auch in der ersten Liga beibehält.

Let’s do this!

Mannschaft und Kurve erleichtert. Bild: © VfB-Bilder.de
Mannschaft und Kurve erleichtert. Bild: © VfB-Bilder.de

Was bleibt also von diesem 31. Saisonspiel? Die Mannschaft hat mittlerweile so einen Lauf, dass sie schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen ein Auswärtsspiel kurz vor Ende zu Ihren Gunsten entscheiden kann. Natürlich ist auch ein wenig Glück dabei, aber es ist, wie zu Beginn der Rückrunde, wieder das Glück des Tüchtigen. Zwischendurch gewinnt man ausgerechnet das Spiel, von dem Trainer Hannes Wolf es nicht erwartete, verhältnismäßig deutlich.

Außerdem: Beim VfB läuft auf, wie neben dem Platz, wieder sehr viel über Euphorie. Plötzlich fahren in dieser Liga solche Massen an VfB-Fans zu Auswärtsspielen, dass die Zahlen zwischen 10.000 und 20.000 variieren. Unfassbar. Und dann feiern diese Unmengen an Fans noch eine halbe Stunde nach Abpfiff den Sieg und den nächsten Schritt in Richtung Aufstieg und starten im halbleeren Stadion eine Laola-Welle. Natürlich sind wir noch nicht durch, aber diese Szenen nach dem Schlusspfiff machen einfach Spaß und sind Balsam auf von vielen schlechten Spielen in den letzten Jahren geschundene Seelen.

Lasst uns das Ding jetzt zu Ende bringen. Ich verspreche auch, dass ich den Schlusspfiff abwarte! 😉

Lennart kommt aus der Nähe von Kassel, lebt mittlerweile in Darmstadt und ist seit den späten 90ern, etwa seit dem Pokalsieg 1997, treu ergebener Fan des roten Brustrings. In weiser Voraussicht kaufte er sich im Sommer 2006 ein Trikot von Fernando Meira. Seit 2005 ist er auch VfB-Mitglied, seit 2006 ist er Mitglied des offiziellen Fanclubs VfB-Supporters Hessen, außerdem Besitzer einer Heim- und Auswärtsdauerkarte. Auf Twitter findet Ihr ihn unter @l_sauerwald.

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