Rund um das Spiel in Wolfsburg

Rund um das Spiel in Wolfsburg

Morgen fährt der VfB zum ersten Spiel unter Tayfun Korkut nach Wolfsburg. Mit Leonard Hartmann (@leonardmann04) von den Wolfsburger Nachrichten sprachen wir über die aktuelle Lage beim VfL.

Rund um den Brustring:  Hallo Leonard, schön, dass es wieder geklappt hat. Wie im vergangenen Jahr befindet sich Wolfsburg auch 2017/2018 im Abstiegskampf wieder, trotz erheblicher Investitionen im Sommer. Bist Du überrascht oder hat sich das schon abgezeichnet?

Leonard: Dass auch diese Saison wieder eine aus der Zitterkategorie werden kann, hat sich bereits nach dem 4. Spieltag gezeigt. Kurz nach der 0:1-Pleite in Stuttgart wurde Andries Jonker, der in der gesamten Vorbereitung keine Idee für ein Offensivspiel entwickelt hatte, entlassen. Und damit war die Saison zum Start schon in den Sand gesetzt. Außerdem hat es im Sommer einen erheblichen Umbau gegeben, viele erfahrene Spieler sind gegangen. Dass sich so ein neues Team erst einmal finden muss, ist normal. Daher überrascht der erneute Abstiegskampf außerhalb der VW-Arena eigentlich kaum einen.

Nach dem Hinspiel wurde Andries Jonker entlassen und durch Martin Schmidt ersetzt. Wie bewertest Du seine Arbeit?

Martin Schmidt ist ein wirklich interessanter Typ, der sich sein Fachwissen erlesen und erarbeitet hat. Ihm ist die Gier nach Siegen und einer Entwicklung anzumerken, der haut sich voll rein. Wenn seine Mannschaft seine Mentalität und Einstellung dauerhaft auf den Platz bringen würde, wäre der VfL ein Kandidat für Europa. Ob er aber taktisch die Großen der Branche parieren kann, muss er erst noch beweisen.

Wie siehst Du die Sommerneuzugänge und wie zufrieden bist Du mit den Spielern, die im Winter gekommen sind?

14 (!) Neue gab es fürs Profiteam im Sommer und Winter zusammen. Bitter: Mit John Anthony Brooks und Ignacio Camacho fallen die beiden teuersten Zugänge schon lange und noch auf unbestimmte Zeit aus. Man kann beim VfL derzeit nur erahnen, wie wichtig das Duo wäre, um dem wankelmütigen Team Halt zu geben. Zwei Personalien picke ich mal raus: Felix Uduokhai, der von 1860 München kam, hat eine sensationelle Entwicklung hingelegt und gehört in dieser Saison zum Stamm in der Innenverteidigung. Abgeklärt, schnell, handlungsflink – der Typ bringt alles mit für eine große Karriere. Allerdings hat er immer mal wieder mit Kniebeschwerden zu kämpfen – auch aktuell muss er kürzer treten. Gut für den VfB, dass der 20-Jährige fehlt. Und die zweite Personalie: Admir Mehmedi. Dass die Offensive des VfL fraglos mit starken Namen gespickt ist, hat dem Team noch nicht viel weitergeholfen. Mehmedi kann nun das Puzzleteil sein, das die Verantwortlichen monatelang gesucht hatten. Auf den Außen lahmten die Wolfsburger schon lange. Mehmedi kann zum Glücksfall werden – oder wie viele andere im Negativstrom untergehen.

Auch mit dem VfB stand der VfL im Winter in Verhandlungen. Das Ergebnis: Mario Gomez wechselte an den Neckar, Josip Brekalos Leihe wurde dagegen vorzeitig beendet. Hältst Du es für ein Problem, wenn der Kapitän mitten in der Saison den Verein wechselt? Was fehlt dem VfL durch den Gomez-Abgang und was bedeutet die Rückkehr von Brekalo für die Rückrunde?

Ja, der Abgang von Gomez hat hier tatsächlich für Unruhe gesorgt, weil ein Vakuum in der Hierarchie entstanden ist. Das Problem: Keiner beansprucht die Binde wirklich für sich. Paul Verhaegh trägt sie eben, weil Ignacio Camacho, der eigentliche Leader, noch verletzt ist. Da aber beide erst im Sommer zum VfL kamen, versteht in Wolfsburg kaum einer, warum nicht Maximilian Arnold, der immerhin die deutsche U21 als Kapitän zum EM-Titel geführt hat, der seit Jahren beim VfL und damit eine der wenigen Identifikationsfiguren ist, einfach Kapitän wird. Es ist ein Wolfsburger Rätsel, das durch Gomez’ Wechsel entstand. Brekalo ist ein guter Junge, dessen Perspektive auf eine Position in der Stammelf Anfang Januar noch hervorragend war. Nun kamen aber Renato Steffen aus Basel und Mehmedi, die ihm mindestens einen Entwicklungsschritt voraus sind. Ich würde Brekalo immer spielen lassen – aber ich bin ja unwichtig…

Nach dem Hinspiel wechselte Wolfsburg den Trainer, vor dem Rückspiel der VfB. Wie bewertest Du den Wechsel von Wolf zu Korkut aus der Ferne?

Schwierig, da ich Tayfun Korkut gar nicht kenne. Nur so viel: Für den Abstiegskampf reichte es in der Vergangenheit häufig, wenn ein neuer Trainer Euphorie entfacht – aber das kann ich mir bei den traurigen Augen beim besten Willen nicht vorstellen.

War die schreckliche Szene aus dem Hinspiel, als VfL-Torwart Koen Casteels mit Christian Gentner zusammenstieß, in Wolfsburg danach noch länger ein Thema? Das war ja sicherlich auch für Casteels ein ziemlicher Schock.

Casteels hatte sicher ein ganz schlechtes Gewissen. Er ist ohnehin ein nachdenkender Typ, der so etwas bestimmt nicht einfach abhaken kann. Die beiden haben sich im Kicker ja ausgesprochen, und nun ist alles wieder gut 🙂

Am vergangenen Wochenende gewann Wolfsburg in Hannover, zum ersten Mal in der Liga seit Anfang Dezember Kann man aus diesem Spiel Schlüsse für die weitere Rückrunde ziehen?

Naja, “gewann” würde ich mal in Häkchen setzen. Der VfL hat nicht auf Sieg gespielt, sondern gehofft, dass Hannover verliert. Und so ist es gekommen. Ich sehe das Spiel ein wenig außer Wertung, weil es mit einem klassischen Fußballspiel auf dem unfassbar miesen Acker in Hannover nichts zu tun hatte. Daher kann man keinen Schluss ziehen, außer vielleicht den, dass so ein dreckiger Sieg schon häufig ein Brustlöser für die Zukunft war.

Was traust Du dem VfL in dieser Saison noch zu? Kann die Relegation oder gar der Abstieg vermieden werden?

Mit dem Kader muss der VfL zwingend in der oberen Tabellenhälfte landen, alles andere wäre eine Enttäuschung. Die nächsten beiden Spiele werden die Richtung schon vorgeben. Gewinnt der VfL gegen Stuttgart und in Bremen, ist das Thema Abstiegskampf gegessen. Patzt das Team, steckt es wieder mittendrin. Im Normalfall allerdings dürften die Wolfsburger irgendwo im Tabellen-Nirgendwo zwischen Platz 9 und 14 eintrudeln.

Auf wen müssen wir am Samstag aufpassen und wo sind die Schwächen des VfL?

Didavi kennt ihr ja zur Genüge. Er war, ist und bleibt der beste Fußballer im Kader, Origi hat ewig nicht mehr getroffen und will die Krise beenden. Auf Mehmedi bin ich selbst gespannt. Ich gehe mal davon aus, dass er noch nicht in der Startelf stehen wird, sondern erst im Laufe der Partie reinkommt. Ansonsten hat sich Maximilian Arnold bei Freistößen enorm verbessert. Also: Mauer stellen nicht vergessen. Die Schwächen: Die beiden 1a (Brooks) und 1b (Uduokhai)-Innenverteidiger fehlen, mit Bruma und Knoche sind zwar zwei ordentliche Verteidiger da, aber Gomez hat deren Schwächen in seinen eineinhalb Jahren hier sicher erkannt. Auch im defensiven Umschalten nach Ballverlusten ist der VfL nicht immer ganz feuerfest.

Wolfsburg gilt gemeinhin nicht unbedingt als Touristenmagnet, auch ich fand es bei meinen letzten Auswärtsbesuchen dort nicht besonders hübsch. Mach uns mal die Stadt schmackhaft: Warum sollte man sich dort nicht nur das Stadion von innen anschauen?

Ich wohne in Braunschweig.

Dein Tipp fürs Spiel?

Der VfL macht’s – 2:0.

Leonard, vielen Dank für das Gespräch!

Bild: © VfB-Bilder.de

Lennart kommt aus der Nähe von Kassel, lebt mittlerweile in Darmstadt und ist seit den späten 90ern, etwa seit dem Pokalsieg 1997, treu ergebener Fan des roten Brustrings. In weiser Voraussicht kaufte er sich im Sommer 2006 ein Trikot von Fernando Meira. Seit 2005 ist er auch VfB-Mitglied, seit 2006 ist er Mitglied des offiziellen Fanclubs VfB-Supporters Hessen, außerdem Besitzer einer Heim- und Auswärtsdauerkarte. Auf Twitter findet Ihr ihn unter @l_sauerwald.

Diesen Blogbeitrag von Rund um den Brustring teilen

© 2017 Rund um den Brustring
Social media & sharing icons powered by UltimatelySocial