Nichts gelernt

Der VfB verliert das Heimspiel an seinem 123. Geburtstag verdient mit 1:2 gegen den 1. FC Heidenheim. Mannschaft und Trainer zeigen, dass sie aus den letzten Spielen nichts gelernt haben und müssen sich jetzt dringend Gedanken machen, wie sie verhindern können, dass der Aufstieg in Gefahr gerät. Und auch an anderen Stellen im Verein knirscht es.

Wir versuchen hier ja immer, aus jedem Spiel möglichst noch etwas Positives raus zu ziehen. Das gelingt, vor allem in letzter Zeit, nicht immer. Die Spiele in Bremen und Augsburg waren so Fälle, in denen es über die handelnden Akteure in unserem Verein nichts Erfreuliches zu sagen gab. Das Heimspiel gegen die Nachbarn aus Heidenheim reiht sich hier nahtlos ein. Es ging schon los mit dem krampfhaften Versuch, die VfB-Fans mit einem weiteren schlechten VfB-Schlager zu quälen, setzte sich mit dem peinlichen Auftritt der Spieler im Brustring fort und fand seinen Abschluss in diesem selten dämlichen Spruchband, der offenbart, dass auch im 21. Jahrhundert einige noch nicht damit klar kommen, dass Frauen genauso gut oder schlecht Schiedsrichter im Profifußball sein können, wie Männer:

Aber zurück zum Hauptärgernis des Freitagabends: Die zweite Niederlage im vierten Spiel.

Never change a Wackelabwehr?

Die Heidenheimer Mannschaft wusste, wie sie Stephan Sama und Toni Sunjic zur Verzweiflung bringen konnte. Bild © VfB-Bilder.de
Die Heidenheimer Mannschaft wusste, wie sie Stephan Sama und Toni Sunjic zur Verzweiflung bringen konnte. Bild © VfB-Bilder.de

Um seine Spieler auf das Duell mit dem VfB einzustellen, musste Heidenheims Trainer Frank Schmidt eigentlich nicht mehr machen, als ihnen die Spiele der Brustringträger gegen Sandhausen und Düsseldorf zu zeigen und ihnen klar zu machen, dass sie einfach noch ein wenig bissiger und aggressiver die unübersehbaren Schwächen des VfB in der Verteidigung und im Spielaufbau nutzen müssten. Und genau so kam es auch.

Heidenheim fand sich von Anfang an in der Rolle des Underdogs, der nichts zu verlieren hat, zurecht und lauerte auf die Unkonzentriertheiten des VfB. Die gab es in diesem Spiel zur Genüge, weil zum einen Toni Sunjic auch in diesem Spiel Toni Sunjic war und weil sich Stephen Sama zum anderen von dessen Unkonzentriertheit und Fahrlässigkeit anstecken und die Sicherheit, die er in den ersten Spielen größtenteils zeigte, vermissen ließ. Und so war sowohl am 0:1 nach einer Flanke und am 1:2 nach einem Konter als auch an vielen weiteren brenzligen Situationen vor und im Strafraum von Mitch Langerak immer einer der beiden beteiligt. Der VfB hat reines, pures Glück, dass Heidenheim nicht mehr aus den sich bietenden Gelegenheiten machte.

Luhukay: Sturheit oder Einfallslosigkeit?

Das ist für sich genommen schon eine Katastrophe, denn die Probleme in der Innenverteidigung sind schon seit Jahren offensichtlich. Dass es der Verein nicht schafft, eine Abwehr zusammen zu stellen, die nicht wegen des Ausfalls eines Spielers völlig kollabiert, ist ein Armutszeugnis. Das man mittlerweile, in diesem Bereich, auch Trainer Jos Luhukay ausstellen muss. Marcin Kaminski kam als einer der ersten Neuzugänge und kann wohl von keinem anderen als Jos Luhukay selber ausgesucht worden sein, denn mit der Verpflichtung eines Sportdirektors ließ man sich ja damals noch Zeit. Und wie zweitligauntauglich muss dieser Kaminski sein, wenn er es nicht schafft, an entweder Sunjic oder Sama vorbei zu kommen? Entweder er ist wirklich so schlecht

Jos Luhukay muss Schlüsse aus den letzten Spielen ziehen. Bild © VfB-Bilder.de
Jos Luhukay muss Schlüsse aus den letzten Spielen ziehen. Bild © VfB-Bilder.de

oder Luhukay ist so sturköpfig, dass er wider besseren Wissens auf die beiden setzt. Beides ist, wie gesagt, eine Katastrophe.

Diese Problematik setzt sich in der Spielgestaltung fort. Wie gegen Sandhausen und Düsseldorf weiß die Mannschaft nicht, wie sie den Ball halbwegs gefährlich vors Tor bekommt. Gelingt es doch einmal weil die Abwehr eines Zweitligisten nun einmal nicht aus lauter Boatengs besteht, dann werden die wenigen Chancen vergeben, entweder übers Tor oder wie Terodde mit seinem signature move: Ball ans Außennetz grätschen. Auch hier ist weder bei Spielern, noch beim Trainer eine Lernkurve erkennbar. Mag ja sein, dass Carlos Mané noch nicht verfügbar ist und Takuma Asano in den letzten zehn Minuten alleine auch keine Bäume mehr ausreißen kann. Aber schon in den letzten Spielen war doch ersichtlich, dass man mit langen hohen Bällen ins Nichts und mangelnder gegenseitiger Unterstützung auf den Außenbahnen gegen tiefstehende Gegner wie Düsseldorf, Sandhausen und Heidenheim nicht weit kommt. Zumal Jos Luhukay ja sowieso von den drei Neuzugängen nicht besonders angetan zu sein scheint.

Vier Baustellen

Und so hat die Saison des VfB nach dem etwas holprigen Start ihren ersten Tiefpunkt erreicht. Natürlich ist es jetzt noch zu früh, den Aufstieg schon abzuhaken. Aber so ziemlich alles, was gerade rund um den Brustring passiert, läuft den Bemühungen, am Saisonende auf Platz 1 oder 2 der Tabelle zu stehen, zuwider:

  1.  Da lässt sich die Mannschaft wie bereits im Frühjahr von einem aggressiven Gegner komplett die Butter vom Brot nehmen und hofft, dass sie irgendwie unbeschadet aus der Sache rauskommt.
  2. Da hält der Trainer trotz offensichtlicher Probleme an der immer gleichen Aufstellung fest.
  3. Da sind sich, wenn man den Stuttgart Medien, deren Artikel seit Saisonbeginn mit Vorsicht zu genießen sind, Glauben schenkt, Trainer und Sportdirektor über die Transferpolitik nicht nur uneins, sondern regelrecht zerstritten.
  4. Sollte dem so sein, wäre die Zusammenstellung des sportlichen Führungspersonals der erste von zwei schweren Fehlern des Aufsichtsrates, zum zweiten hat sich mittlerweile der Vorschlag von Wolfgang Dietrich für das Amt des Präsidenten ausgewachsen. Wie Peter Stolterfoht in der StZ berichtet, hat die DFL die mögliche Präsidentschaft Dietrichs aufgrund seiner verschiedenen Firmen noch nicht einmal abgenickt.

Selbst wenn man den aufgeregten Ton aus der Berichterstattung herausfiltert, bleiben verschiedene Aussagen und Tatsachen bestehen, so dass es bereits jetzt, Mitte September, an der Zeit ist, alle Beteiligten an dieser Gemengelage mal zu fragen: Habt Ihr sie noch alle?

Alles für den Aufstieg!

Scheinbar zeigen sich nicht nur Mannschaft und Trainer lernresistent in Bezug auf die Erfahrungen der letzten Wochen, auch Aufsichtsrat und der momentan neben Schindelmeiser bestehen Restvorstand aus Finanzchef und Marketingvorstand scheinen aus den letzten Jahren nichts gelernt zu haben.

Wie schon häufiger betont: Es ist eben nicht so, dass sich der VfB in dieser Saison und in dieser Liga mit einem gemütlichen Mittelfeldplatz begnügen kann, wie er es ja in den letzten Jahren in der Bundesliga zumindest angestrebt hat. Will man nicht in ernsthafte Probleme geraten, sollte man in dieser Saison direkt wieder aufsteigen. Es wäre langsam mal an der Zeit, dass sich alle ein wenig raffen und dieses Ziel wieder in den Fokus nehmen.

Lennart kommt aus der Nähe von Kassel, lebt mittlerweile in Darmstadt und ist seit den späten 90ern, etwa seit dem Pokalsieg 1997, treu ergebener Fan des roten Brustrings. In weiser Voraussicht kaufte er sich im Sommer 2006 ein Trikot von Fernando Meira. Seit 2005 ist er auch VfB-Mitglied, seit 2006 ist er Mitglied des offiziellen Fanclubs VfB-Supporters Hessen, außerdem Besitzer einer Heim- und Auswärtsdauerkarte. Auf Twitter findet Ihr ihn unter @l_sauerwald.

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