Neu im Brustring: Ailton Ferreira Silva

Der VfB hat jetzt auch den Platz hinter Emiliano Insua auf der linken Außenbahn besetzt, nämlich mit Ailton Ferreira Silva von Estoril Praia aus Portugal. Wer ist der Brasilianer und was ist von dem Transfer zu halten?

Menschen, die Jan Schindelmeisers Wirken in dieser Sommerpause kritisch gegenüber stehen, könnten unken dass Ailton mit 22 Jahren schon zu den erfahreneren Spielern im VfB-Kader zählt. Das dies nicht unbedingt der Fall ist, zeigt sein bisheriger Werdegang. Großgeworden ist er bei Fluminense Rio de Janeiro, einem der großen, bekannten brasilianischen Vereine. Nachdem er dort 2013 in den Herrenbereich kam, absolvierte er in zwei Jahren insgesamt fünf Spiele bevor er Anfang 2015 an Botafogo Jacobina verliehen wurde, für die er sieben Spiele in der Bundesstaats-Meisterschaft machte. Weiter ging es mit den Leihen 2015 nach Aserbaidschan zu Neftchi Baku wo er 32 mal zum Einsatz kam und dabei für den Tabellensechsten der Saison 2015/2016 drei Tore erzielte. Die nächste Leihe führte ihn schließlich in die erste portugiesische Liga. Für GD Estoril Praia bestritt er 18 Liga- und fünf Pokalspiele. In der Liga lief Praia am Ende auf Platz 12 ein, im Pokal scheiterte man im Halbfinale an Benfica. Im Anschluss an die Leihe entschied sich Praia dazu, Ailton zu verpflichten.

Von Aserbaidschan aufs Sprungbrett

Dass Fluminense den Spieler aus dem eigenen Nachwuchs mehrmals an wesentlich kleinere Vereine verlieh und schließlich nach Portugal verkaufte, scheint aus zwei Gründen kein Wunder zu sein. Zum einen gehört Fluminense wie schon gesagt zu den größten Vereinen in Brasilien, was mir auch Jorge Sauma (@JorgeSauma), brasilianischer Journalist bei GloboEsporte.com bestätigt. Zudem, so erzählt er weiter, hat sich Praia darauf spezialisiert, junge brasilianische Spieler auszubilden, um sie dann in Europa weiter zu verkaufen. Eine Art Sprungbrett in vertrauter Sprache sozusagen. So erklärt sich auch, dass Praia einen gerade erst fest verpflichteten Spieler direkt weiterverkauft. Mehr dazu auch bei Wikipedia.

Da Ailton erst in Aserbaidschan zu regelmäßigen Einsätzen im Herrenbereich kam, ist es natürlich interessant zu erfahren, wie er sich bei seiner ersten Auslandsstation gemacht hat. Zunächst werde ich aber von Abbas Zahidi (@ZahidiAbbas), der für die UEFA arbeitet und über aserbaidschanischen und rumänischen Fußball twittert, aufgeklärt…

und dann, was Ailton angeht, enttäuscht:

Noch Luft nach oben

Er scheint also, zumindest nach Meinung dieses Betrachters, in Baku keine Bäume ausgerissen zu haben, obwohl er dort die meisten Spiele gemacht hat. Etwas ausführlicher sind dann doch die Informationen aus Praia, zum einen von Jorge, zum anderen von Tiago Espadinha, der den Blog As Minhas Crónicas Do Mágico (Deutsch: Die/meine Chroniken der/meiner Magie. Jemand mit besseren Portugiesischkenntnissen darf mich da gerne korrigieren) über Estoril Praia betreibt. Tiago beschreibt seine Stärken eher offensiv, Ailton könne gut flanken und lange Bälle schlagen, sein einziges Tor in Portugal war ein Distanzschuss. Er sei jedoch in Praia nie erste Wahl gewesen, sondern habe dort einen anderen Spieler vor sich gehabt. Eine ähnliche Situation, wie er sie wohl auch beim VfB vorfinden wird, wo Emiliano Insua auf der linken defensiven Außenbahn der Platzhirsch ist und bleiben wird. Tiago sieht in Ailton einen Spieler für die Zukunft, der jedoch defensiv noch besser werden muss.

Eine etwas gegensätzliche Meinung erhalte ich von Jorge. Er sieht dessen Stärken eher defensiv als offensiv, was sich auch in den Zahlen (ein Tor, keine Vorlagen) ausdrückt. Ailton sei aber wichtig fürs Team gewesen. Auch hier lohnt ein Blick in die Statistik: 18 von 34 möglichen Einsätzen, davon 14 über die vollen 90 Minuten. Kein Stammspieler also, was mit 22 Jahren nicht unbedingt verwunderlich ist, aber auch kein Tribünenhocker, den der VfB da verpflichtet. Ailton sei im Training sehr engagiert, so Jorge, habe aber noch Luft nach oben. Apropos: Mit einer Körpergröße von 1,81 Metern sei er auch in der Luft nicht zu unterschätzen, außerdem sei er sehr agil. Einen Eindruck von seiner Spielweise bietet vielleicht dieses Best-of-Videos, welches jedoch von der Firma zusammengeschnitten wurde, der Estoril Praia zu 75 Prozent gehört und die aus dem Verein besagtes Sprungbrett macht. Es ist also mit Vorsicht zu genießen.

Der VfB sei für ihn eine große Chance, so Jorge, auch wenn er wahrscheinlich zunächst noch Anpassungsprobleme haben werde. Sowohl Jorge, als auch Tiago trauen Ailton aber zu, auch beim VfB in der Bundesliga zu Einsätzen zu kommen. Das wage ich ehrlich gesagt zu bezweifeln. Wenn ein Philip Heise, ehemals bester Linksverteidiger der zweiten Liga, an einem Emiliano Insua nicht vorbei kommt, dann erst recht nicht ein Ailton. Aber das muss ja auch nicht sein: Ähnlich wie auf der Torhüterposition geht es zunächst darum, dass keiner seinen Platz in der Startelf allein aus Mangel an Alternativen sicher hat. Außerdem hat sich noch Thiago Lauriano (@souothiago) gemeldet, der sich in seiner Twitter-Bio als Wirtschaftswissenschaftler und Berater von Fluminense sieht. Er bezeichnet Ailton als einen der besten Linksverteidiger der Liga, an dem auch Benfica interessiert gewesen sei – was Tiago auch erwähnt. Ailton sei ein guter Spieler, der sich auch schon an Europa gewöhnt habe, was bei vielen Brasilianern nicht der Fall sei. Eine weitere eher positive Rückmeldung erreichte uns ebenfalls aus Brasilien:

Herausforderer oder Platzhalter?

Ob Ailton Insua allerdings wirklich Feuer unterm Hintern machen kann? Natürlich ist der Spieler noch verhältnismäßig jung, aber im Vergleich zu den anderen Neuzugängen im Brustring liest sich seine Bilanz eher bescheiden. Einzig in Baku spielte er eine komplette Saison im Herrenbereich durch und konnte in der nicht allzu starken Liga den von mir befragten Betrachter nicht überzeugen. Dass er sich bei Fluminense nicht unbedingt durchsetzte: geschenkt. Aber vor allem die widersprüchlichen Aussagen der von uns befragten Experten deuten darauf hin, dass wir es hier nicht unbedingt mit einem Supertalent vom Schlage eines Mané oder Burnic zu tun haben, bei dem sich alle über das Können weitestgehend einig sind. In Brasilien sieht man ihn sehr positiv, in Aserbaidschan eher negativ, in Portugal bewertet man ihn gemischt. Wobei die Quellenlage zugegebenermaßen nicht optimal ist und es sich immer um Prognosen handelt.

Da das Geschäftsmodell von Praia darauf beruht, Spieler aus Brasilien auszubilden und teuer weiter zu geben, wird der VfB auch für diesen Transfer in die Tasche gegriffen haben. An der Stelle muss schon die Frage erlaubt sein, ob es da nicht doch auch jemand aus dem eigenen Verein getan hätte. Auch hier gilt natürlich: Was der Spieler wirklich im Brustring kann, wissen wir erst, wenn wir ihn im Brustring sehen. Bisher überzeugt mich dieser Transfer aber noch nicht so unbedingt. Es sei denn, es geht nur darum, einen zweiten nominellen Linksverteidiger zu haben. Zumindest eine der noch offenen Positionen in der Viererkette ist jetzt besetzt. Hoffen wir, dass der Rest bald folgt.

 

Lennart kommt aus der Nähe von Kassel, lebt mittlerweile in Darmstadt und ist seit den späten 90ern, etwa seit dem Pokalsieg 1997, treu ergebener Fan des roten Brustrings. In weiser Voraussicht kaufte er sich im Sommer 2006 ein Trikot von Fernando Meira. Seit 2005 ist er auch VfB-Mitglied, seit 2006 ist er Mitglied des offiziellen Fanclubs VfB-Supporters Hessen, außerdem Besitzer einer Heim- und Auswärtsdauerkarte. Auf Twitter findet Ihr ihn unter @l_sauerwald.

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