Aus Glück lernen

Aus Glück lernen

Der VfB gewinnt den Rückrundenauftakt gegen Berlin mit 1:0. Viel hat sich, abgesehen vom Ergebnis, im Gegensatz zum Dezember nicht verbessert.

Irgendwie ist es ja schon pure Ironie, dass das erste Liga-Tor für den VfB seit dem 1:0 gegen Hannover am 24. November (!) von einem gegnerischen Spieler erzielt wird. Ein Eigentor von seltener Schönheit, denn es kommt nicht häufig vor, dass ein Spieler erst einen Elfmeter verursacht und den Ball dann in einer formvollendeten Bogenlampe über den eigenen Torhüter hebt. Da werden Erinnerungen wach an das 2:1 des VfB gegen Hannover 2007, als sich zwei 96er auf der eigenen Torlinie über den Haufen und den Ball ins Tor rannten.

Kick it like December

Auch Berlin hatte zeitweise zu viel Platz im VfB-Strafraum.
Auch Berlin hatte zeitweise zu viel Platz im VfB-Strafraum.

Damit haben wir auch schon das Beste am Spiel abgehandelt. Lasst das Bruddeln beginnen! Na gut, ganz so schlimm ist es nicht, aber viel besser wird es auch nicht. Der VfB hat sich mit diesen drei Punkten immerhin ein wenig nach unten absetzen können und spielt zum fünften Mal in dieser Spielzeit zu null. Mario Gomez hat zwar kein Tor geschossen, aber immerhin zweimal fast. Wenn man also die Augen fest zusammenkneift und den Kopf etwas schief legt, könnte man zufrieden sein. Aber das wäre schon eine sehr verzerrte Sichtweise. Auch wenn natürlich am Ende der Saison keiner mehr fragt, wie die Punkte zustande gekommen sind.

Dennoch: Das Spiel gegen Berlin war in vielerlei Hinsicht eine Fortsetzung der erfolglosen Versuchsserie des letzten Monats, als der VfB kein einziges Tor schoss, dem Gegner jedoch immer wieder Tore auf dem Silbertablett präsentierte. Es gehört zum Spielglück der Brustringträger an diesem Samstag, dass Berlin anders als Mainz, München oder Hoffenheim keine davon nutzte, obwohl ihnen die VfB-Abwehr auch diesmal immer wieder genug Platz bot. Am anderen Ende des Spielfelds konnten das Neckarstadion erneut ein relativ ineffizientes und wenig durchdachtes Ballgeschiebe beobachten, das nur selten in eine brauchbare Schussmöglichkeit mündete. Wenn das einmal der Fall war, wurden die Möglichkeit teilweise auf so absurde Weise vergeben wie im Fall von Akolo, der meinte, die Flanke von Gomez aus zwölf Metern aus vollem Lauf aufs Tor dreschen zu müssen, obwohl er genug Platz und Zeit für eine kontrollierte Ballannahme hatte.

Verständnisprobleme

Eine der wenigen guten Chancen des VfB...durch die Mitte. Bild: © VfB-Bilder.de
Eine der wenigen guten Chancen des VfB…durch die Mitte. Bild: © VfB-Bilder.de

Aber woran lag es diesmal? An der vielgescholtenen Abwehrformation der Hinrunde jedenfalls nicht, denn Hannes Wolf stellte seine Verteidigung – es hatte sich in den Testspielen bereits angekündigt – auf einer Viererkette umgestellt. Die freigewordene Position besetzte Anastasios Donis hinter Mario Gomez, flankiert von Özcan und Akolo. Leider führte dies nicht dazu, dass der VfB zu mehr Chancen kam, weil die Mannschaft weiterhin viel über die Flügel spielte, aber nicht das Personal dafür hatte. Denn die Außenspieler waren im Fall von Benjamin Pavard nicht unbedingt auf ihrer stärksten Position, oder, wenn man Dennis Aogo betrachtet, spielerisch einfach zu limitiert. Stattdessen entstanden die wenigen Großchancen des Spiels über die Mitte: Gentner flankte vom Strafraumeck auf Gomez, dessen Abseitstor ging ein zentraler Steilpass voraus und vor dem 1:0 doppelpasste sich der Neuzugang mit Daniel Ginczek durch die Berliner Abwehr. Hätte der VfB, wenn er den zusätzlichen Spieler in der Mitte konsequent genutzt hätte, vielleicht auch selber ein Tor erzielt?

Ich will nicht sagen, dass Hannes Wolfs Aufstellung unverständlich ist, aber ich verstehe sie nicht. Pavard hat mehrfach gezeigt und selber gesagt, dass ihm die Position des Innenverteidigers mehr liegt als die auf dem rechten Flügel. Marcin Kaminski hat mehrfach gezeigt, dass er mit den Gegenspielern in der Bundesliga ein Problem hat. Das wurde sowohl bei Kalous Kopfball, als auch direkt zu Spielbeginn und direkt vor Abpfiff deutlich, als er zunächst fast den Ball an der eigenen Eckfahne verdaddelte und schließlich den Berlinern noch eine Last-Minute-Ecke schenkte. Klar, bei Holger Badstuber reichte es noch nicht für 90 Minuten, aber wieso stelle ich dann nicht Beck auf rechts und Insua auf links? Ja, auch die beiden haben in diese Saison noch nicht restlos überzeugt, aber mir wäre mit Baumgartl und Pavard und jemand anderem als Aogo schon wesentlich wohler gewesen. Letzterer spulte auf dem Flügel wieder sein Programm aus Fehl- und Sicherheitspässen ab.

Nur noch wenig Zeit für Fehler

Wenn ich mit den genannten Spielern und dem Trainer heute etwas härter ins Gericht gehe, dann deshalb, weil wir bereits eine Halbserie hinter uns haben, in deren Verlauf man diese Schwächen hätte abstellen können. Wir haben jetzt gegen jeden Gegner einmal gespielt und hatten eine -zugegebenermaßen kurze – Winterpause, während der ebenjene Problem hoffentlich angesprochen wurden.

 “Es darf uns nicht passieren, dass wir mit so wenig Intensität in so ein Spiel gehen.”

Wenn man dann hinterher im kicker so ein Zitat liest, darf man sich schon ein wenig wundern. Es ist mir unverständlich, dass Wolf so etwas nach dem ersten Hinrundenspiel ansprechen muss. Gleichzeitig trägt er aber mit seiner Aufstellung auch dazu bei, dass der VfB nicht mit vollem Potenzial spielt. Auch wenn ich weit davon entfernt bin, dem Trainer die Schuld für überhastete Abschlüsse und undurchdachte Pässe anzuhängen. Wolf muss sich schon fragen lassen, warum er Insua auf der Bank lässt, um ihn dann später für Chadrac Akolo zu bringen.

Die goldene Mitte?

Das Beste am Spiel: Der Jubel über den Siegtreffer.
Das Beste am Spiel: Der Jubel über den Siegtreffer.

Welche Erkenntnisse kann Wolf also aus diesem Spiel ziehen? Wenn der VfB diese vernünftig besetzt, ist auch eine Viererkette defensiv stabil genug. Das bedeutet aber auch, dass Baumgartl, Badstuber und Pavard nicht gleichzeitig auf ihrer bevorzugten Position spielen können. Angesichts der Qualität seiner Spieler bietet es sich für die Brustringträger aber sowieso eher an, den Weg durch die Mitte zu suchen. Ansonsten haben wir nämlich das Problem, dass wir einfach nur Simon Terodde durch Mario Gomez ersetzt haben, aber immer noch kein schlüssiges Konzept haben, Spieler in Schusspositionen zu bringen. Vor allem Mario Gomez, der vorne schon deutlich mehr Präsenz und Durchsetzungsvermögen hat als seine Kollegen. Ich hoffe einfach, dass Wolf da nicht nur die Mentalität seiner Spieler hinterfragt, sondern auch, was er ihnen in der Kabine mitgibt.

Ja, wir haben gewonnen und das war sehr, sehr wichtig. Aber gerade jetzt, zu Beginn der Hinrunde, sollten wir besonders wachsam sein und Fehler und Probleme direkt ansprechen, bevor sie uns in ein paar Monaten das Genick brechen.

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